Rotgefärbte Hochebenen leuchten in der Sonne, dahinter das glitzert das Eismeer in Schattierungen von Blau. Rentiere grasen an Hügeln und nachts jagen die bunten Nordlichter über den Himmel. So habe ich mir den Herbst in der Finnmark, der nördlichsten Fylke (norwegische Verwaltungseinheit / Provinz) auf dem norwegischen Festland vorgestellt.
Im September 2025 mache mich auf die Reise nach Nordnowegen und was mich erwartet, ist um ein Vielfaches schöner als ich vorher erwartet habe.
Die Anreise nach Nordnorwegen
Wer auf Roadtrips steht, der macht es so wie ich und viele andere Skandinavien-Reisende: Mit dem eigenen fahrbaren Untersatz einmal quer von Süd nach Nord durch Schweden. Man kann natürlich auch in den Norden Norwegens fliegen. Sowohl Alta am westlichen Ende der Finnmark oder Kirkenes am östlichen sind mit Umsteigeflügen gut erreichbar. Alternativ kann sich auch ein Flug in den Norden Schwedens und Mietwagen ab dort lohnen, je nachdem, was ihr noch sehen wollt auf dieser Reise.
Ich habe mich dafür entschieden, am östlichen Ende Norwegens rund um Kirkenes zu beginnen und fahre so entlang der E4 in den Norden Schwedens und von dort nach Finnland. Entlang der E75 mache ich erst einen Halt in Rovaniemi (den Weihnachtsmann besuchen, klaro!) und bleibe einige Tage am wunderschönen Inarisee in Finnisch Lappland. Über die 92 geht es danach durch gelb-orangenen Wälder über die Norwegische Grenze bei Neiden.



Kirkenes
Mein erster Stopp in der Finnmark ist das Städtchen Kirkenes – bekannt als das Ende der Hurtigrutenlinie. Der Ort an sich liegt am Bøkfjorden, einem Nebenarm des Varangerfjords. Mir gefällt die Bebauung am steilen Hang oberhalb der Stadt. Auch die Ferienwohnung, die ich für die Zeit in Kirkenes buche, ist über die kleine serpentinenartige Straße erreichbar und bietet mir am Abend den schönsten Ausblick über den Fjord im Sonnenuntergang. Bereits am ersten Abend tanzt auch das Nordlicht blassgrün über der Stadt.
Mehr zu Kirkenes im Artikel »Kirkenes & Grense Jakobselv – wo Norwegen im Nordosten endet«



Fun Fact: Kirkenes und Vardø liegen beide weiter östlich als St. Petersburg oder Istanbul.
Grense Jakobselv
Am nächsten Tag steht ein Ausflug nach Grense Jakobselv an, der Ort an dem das norwegische Festland im Nordosten endet. Obwohl er nur 60 km entfernt von Kirkenes ist, muss man trotzdem gut 1,5 Stunden Fahrt einrechnen, da es sich zum Großteil um sehr schmale und teils unbefestigte Straßen sowie kurviges und bergiges Terrain handelt.
Ein Schild weist das älteste Gebirge Norwegens aus. Die wenigen niedrigen Bäume hier am Rand der Baumgrenze sind bereits gelblich verfährt, das Gelände voller Felsen. Hier ist der Wind das einzige Geräusch und ich habe keinen Handyempfang mehr.



Entlang des Grenzflusses Jakobselv fährt man einige Zeit durch ein wie verwunschen aussehendes Tal mit Blick auf das nur wenige Meter entfernte Russland. Wie aus der Zeit gerückt wirkt das seit den 1980ern verlassene Dorf Grense Jakobselv. Die Farben an den Häuserfronten sind längst verblichen und die in den herbstlichen Gelb-Rot-Braun verfärbte Vegetation unterstreicht den verlassenen Charakter der Gegend noch. Das Wetter meint es gut mit mir, lässt ab und zu die Sonne durch die Wolken und bringt die bunten Beeren an den Sträuchern zum Leuchten.



Der einzige Grenzübergang zwischen Russland und dem Schengenraum liegt dort in der Nähe, doch entlang des Flusses Jakobselv kommt man dem anderen Land noch näher: der Fluss ist die Grenze.



Am Ende des Tals weitet sich der Fluss und eine gänzliche neue Landschaft zeigt sich im Delta des Flusses. An den steil anwachsenden Felsenhängen sieht man die König-Oskar-II.-Kapelle schon von weitem. Von dort oben hat man einen wundervollen Ausblick über die Sanddünen, die sich zur Barentssee hin gebildet haben. Daneben zeugt ein winziger alter Friedhof von der Besiedelung von vor 150 Jahren.



Doch das Ende der Straße ist hier noch nicht erreicht: wenige hundert Meter weiter befindet sich ein kleiner Parkplatz an einer Mole, wo der kräftige Wind die raue See hochpeitscht. Auch Anfang September ist es hier noch mild mit 18 Grad und Sonne. Auf der anderen Seite sieht man bereits die Varanger-Halbinsel, mein nächstes Ziel.



Mehr zu Grense Jakobselv im Artikel »Kirkenes & Grense Jakobselv – wo Norwegen im Nordosten endet«
Bugøynes
Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg nach Westen und erreiche nach gut 1,5 Stunden Bugøynes. Das kleine Fischerdorf hat auch den norwegischen Beinamen Lille Finland (dt. „Klein-Finnland“), denn im 19. Jahrhundert siedelten sich hier so viele finnische Einwohner an, dass bis Mitte des 20. Jahrhundert die meisten Einwohner Finnisch sprachen. Das wandelte sich danach zwar, doch selbst heute liegt die Rate noch bei mehr als 50%.



Spezialität des Dorfes: Königskrabbe
Auf eine Empfehlung hin – die ich hier sehr gerne weiterreichen möchte – gehe ich ins Bistroen. Ein kleines, aber wirklich charmant eingerichtetes Restaurant, in dem die örtliche Spezialität, die Königskrabbe, angeboten wird. Nach einer wirtschaftlichen Krise aufgrund des Rückganges der herkömmlichen Fischerei in den 1980ern hat sich Bugøynes mit dem Fang von Königskrabben ein neues Standbein aufgebaut. Die invasive Art aus dem russischen Bereich der Barentssee wird inzwischen von hier aus in die ganze Welt exportiert.
Der Chef des Bistroen ist sehr sympathisch und schafft es, einen Platz für mich zu finden – denn die Tische sind alle bereits reserviert! Das Essen ist wirklich fantastisch.
Danach spaziere ich durchs Dorf. Die Häuser stammen hier zum Teil noch aus der ursprünglichen Besiedlung, da es eines der weniger Dörfer entlang der Küste ist, das von der Zerstörung durch die Wehrmacht verschont blieb. Hoch oben auf einem kleinen Berg zum Beginn des Dorfes hat man einen schönen Blick auf das Dorf. Die arktische Landschaft mit dem türkisblauem Meer & mit bunten Häusern, wie es in der Arktis oftmals ist. Auch im Wolkenverhangenen Wetter sieht es fantastisch aus – doch in der Sonne und mit Schnee kann ich mir es noch schöner vorstellen.



Varanger
Auf die Varanger-Halbinsel habe ich mich besonders gefreut. Ich werde hier in diesem Artikel nicht schaffen, alles zu erwähnen (ein umfangreicher Artikel zu Varanger ist in Planung!). Doch eins sei gesagt: die weite Reise bis ans gefühlte Ende der Welt hat sich gelohnt.
Die Herbstfarben stehen in vollem Saft. Überall wogen rote und pinke Gräser im Wind, die Wiesen sind noch saftig grün, das Meer schimmert blau – sei es in der Sonne oder ohne. Dazu tanzt das Nordlicht in verschiedenen Farben über den Himmel.



Varanger Landschaftroute
Ein Highlight ist die „Landschaftsroute Varanger“. Diese ist eine „Nationale Turistveger“ – eine vom offiziellen Tourismusbüro deklarierte Landschaftsroute, auf der man die Highlights einer Region erleben kann.
Die Landschaftsroute Varanger beginnt in Varangerbotn und reicht entlang der Süd- und Ostküste bis sie in nach Hamningberg endet.
Das Wetter meinte es gut und die Landschaft schimmerte in ihren herbstlichen Farben. Unterwegs gibt es jedoch einiges, was man sehen sollte. Ich stelle euch hier meine Highlights vor.



Nesseby
Die bekannte weiße Kirche von Nesseby liegt im Süden der Halbinsel. Obwohl es am Nachmittag noch etwas regnet, klart der Himmel zum Abend auf und taucht die Welt in eine goldene Stimmung.



Vardø
Vardø liegt auf einer Insel vor Varanger – ein rauer Felsen mitten in der Barentssee und gleichzeitig der östlichste Punkt meiner Reise (ein ganzer Breitengrad weiter östlich als Kirkenes und Umgebung).
Durch den ersten Unterwassertunnel Norwegens (von 1982) geht es vom Festland auf Vardøya. Die Stadt ist klein, gerade mal 1.900 Einwohner. Aber zu sehen gibt es viel.
Mein erstes Ziel ist das Steilneset Hexenmahnmal. 2011 errichtet, erinnert es an Hexenverfolgungen im 17. Jahrhundert, die gemessen an der Einwohnerzahl in der Finnmark besonders ausgeprägt war. Vorbei an einer Fridtjof-Nansen-Statue und viel Street-Art-Kunst mache ich noch an der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Festung Halt, bevor ich mich zur Skulptur „Drakkar-Leviathan“ aufmache. Sie erinnert ein bisschen an ein altes Schiffswrack oder einen gestrandeten Wal.



Hamningberg
Hamningberg ist das Ende der Landschaftsroute Varanger. Von dort kann man nur noch zu Fuß oder Schiff weiterreisen. Weil das Dorf im zweiten Weltkrieg bei der Zerstörung, die die abziehenden deutschen Besatzer hinterließen, verschont blieb, gilt es auch als die beste erhaltene Fischersiedlung der Finnmark. Inzwischen wird das ehemalige Fischerdorf nur noch im Sommer als Ferienort genutzt, denn im Winter ist die Straße aufgrund der Witterung gesperrt und der Ort nur vom Meer aus erreichbar.



Kongsfjordfjellet
Die Halbinsel Varanger kann nicht einmal umrundet werden. Man muss also wieder zurückfahren auf der schönen Landschaftsroute bis Varangerbotn, um am nächsten Tag die westliche Seite der Halbinsel zu erkunden.
Die Straße schlängelt sich durch das Gebirge Kongsfjordfellet und ist eines meiner Highlights. Die baumlose Hochebene ist in herbstlichen Farben geschmückt. Das Gras saftig grün mit roten Tupfern, und überall wiegt das weiße Wollgras sanft im Wind. Dazwischen fallen mir immer wieder kleine Flüsse und Seen auf, und Rentierrudel streifen über die Hügel.



Auch an der nordwestlichen Küste gibt es einige winzige Fischerdörfer, die einen Besuch wert sind, wie hier Kongsfjord und Berlevåg.



Polarlichter
Bei klarem Himmel kann man im September richtig viel Glück haben, um Polarlichter sehen zu können. Fast jeden Abend auf dieser Reise hat mich die App nach draußen getrieben, doch an diesem Abend auf Varanger zaubern die Lichter ein besonderes Spektakel.
- die Polarlichter sind bekanntlich in den dunklen Jahreszeiten am Himmel zu sehen. Ab September gibt es langsam wieder längere Nächte hier oben in der Finnmark, sodass die Chancen ziemlich gut stehen, Polarlichter zu sehen
- was es braucht: dunkle Nächte/keine künstlichen Lichtquellen wie Städte, wenige Wolken und/oder Niederschlag
- Dazu friert man im September noch nicht so sehr, wenn man stundenlang unter dem Nachthimmel steht und fotografiert



Von Varangerbotn nach Alta
Mein nächster Stopp auf dieser Reise ist Alta – ein ganzer Reisetag von Varanger entfernt. Wer sich mehr Zeit nehmen kann, fährt entlang der Küste und kann auch das Nordkap erkunden. Doch da war ich schon. Der Vermieter meiner Ferienwohnung empfiehlt die Strecke entlang der finnischen Grenze über Karasjok. Die Straße sei besser ausgebaut. Er hat natürlich recht, denn eine lange Strecke fährt man auf der E6 entlang des Grenzflusses durch große Wälder. Nach Karasjok überquert die 92 die Hochebene Finnmarksvidda, die in einer imposanten Farbenpracht leuchtet.



Alta
Der Grund, warum ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, diese Reise im Herbst zu unternehmen, waren Bilder, die ich von der Natur um Alta im Herbst gesehen hatte. Und Spoiler: sie hatten nicht zu viel versprochen.
Das Wetter hält an. Die Sonne scheint und wie immer empfängt mich die Stadt mit ihrer leichten Freundlichkeit und der sehr auffälligen Stille. Ich habe mir wieder eine Ferienwohnung genommen und bleibe drei Nächte. Von hier aus kann ich den Sonnenuntergang aus dem Garten sehen und zu Fuß zur Nordlichtkathedrale laufen.



Mehr zu Alta in diesem Artikel »Alta – die freundliche Schöne des Nordens«
Alta Museum
Am nächsten Tag steuere ich das Alta Museum an. 2022 war ich bereits einmal hier und habe die beeindruckenden Felsmalereien auf der linken Seite des Fjords gesehen. Heute sehe ich mir nun die andere Seite an, komplett mit Audioguide und tausend Stopps für Fotos von der Kulisse des Fjords in den Herbstfarben. Ich bin fast alleine dort und treffe nur eine Handvoll Menschen. Die Busgruppen nehmen die andere Seite.



Danach nehme ich mir noch Zeit, das Museum zu besuchen und lerne so viel über die Geschichte der Umgebung und wie die natürlichen Ressourcen den Ort geprägt haben. Es gibt Ausstellungen zu den Felszeichnungen, aber auch über die Samen und die Kvens, über die Lachse im Alta-Fluss, die Kupferindustrie und über Quartzite, über den Handel seit dem Steinzeitalter und natürlich über die Polarlichter.



Alta-Fjord
Dann zieht es mich hinaus zum Meer und in die Fjordwelt, die nördlich von Alta liegt. Vorbei an Kåfjord, was ich erst zuvor im Altamuseum als eines der lokalen Zentren der Kupfergewinnung kennengelernt habe.



Gemütlich bummele ich entlang der E6, mit unzähligen Fotostopps, die sich am Wegesrand ergeben. Das Meer schimmert blau und die Berge werden von der Sonne angeleuchtet. Ich nehme ich mir bis dahin unbekannte Nebenstraßen und begegne sogar Alpakas am Straßenrand.



Alta: Finnmarksvidda
Am nächsten Tag geht es nun endlich zum Wandern auf das Finnmark Plateau, das direkt hinter der Stadt beginnt. Die Bilder der Visit-Alta Seite von der orange-rot gefärbten Hochebene vor Augen, starte ich bei 20 Grad und strahlendem Sonnenschein in der Stadt. Mit dem Auto geht es nach Gargia. Hier gibt es bereits einen Parkplatz, auf dem einige Autos und ein Wohnmobil stehen. Doch ich habe mir den Ausgangspunkt der Wanderung von einer Marke auf Maps gespeichert, die noch weiter oben auf dem Berg liegt.
Dann sehe ich einen kleinen unbefestigten Weg am Ende des Parkplatzes. Der ist sehr schmal und im Verlauf voller Löcher. Doch schon kurze Zeit später hält ein Paar die Daumen hoch und ich halte an: es sind die Besitzer des Wohnmobils, mit dem sie sich nicht auf den Weg getraut hatten. Sie sind froh, die doch gut drei zusätzlichen Kilometer bergauf mit mir zurücklegen zu können.
Hier beginnt der Wanderweg zum Alta Canyon
An dem Ausgangspunkt gibt es eine weitere Parkfläche. Der Ausblick über die umliegende Bergwelt ist hier schon gigantisch weit.



Der Weg Richtung Alta Canyon ist ausgeschildert. Es geht erst einige Zeit bergauf und je höher ich aufsteige, desto stärker bläst der Wind. Oben angekommen, bin ich froh, die winddichte Jacke, den Schal und die Mütze trotz des sommerlichen Wetters in der Stadt eingesteckt zu haben.
Die Sonne scheint und so weit das Auge blickt, leuchtet die Finnmarksvidda rötlich in allen Schattierungen. Weiter hinten erkenne ich einen See. Der Weg ist größtenteils eben und sehr leicht zu laufen.



Da ich vorher keine Details recherchiert habe und nur ein bisschen auf der Hochebene wandern wollte, drehe ich irgendwann um. Für die Wanderung bis zum Canyon und zurück (ca. 6,5 km pro Strecke) bin ich heute nicht vorbereitet. Am Ende ärgere ich mich etwas darüber, da die Wege sehr gut zu laufen sind und das Wetter wirklich fantastisch (wenn auch sehr windig).
Fazit
Nach gut 8 Tagen in der Finnmark ist mein Herz und meine Kamera voll. Ich habe wunderschöne Landschaften gesehen – eine interessanter als die andere. Von der östlichsten Grenze Norwegens an der Barentssee ging es über die einmalige Varanger-Halbinsel durch das norwegische Fjell, das in allen Farben des Herbstes leuchtete. In Alta habe ich nicht nur die Fjordwelt erlebt, sondern auch von hoch oben von der Finnmarksvidda in die Weite des Eismeeres sehen können. Ich hatte außerdem Glück: es hat in mehr als einer Woche nur einmal geregnet und ich hatte warmes Spätsommerwetter, das hier oben schon auf die herbstliche Natur getroffen ist. Dazu hat sich fast jede zweite Nacht das Nordlicht blicken lassen – einmal sogar mit einer solchen Intensität, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.
Das Motto der Reise: Farbenpracht in der herbstlichen Finnmark ist zu 100% erfüllt worden.
