Kirkenes war eines dieser Ziele auf meiner Liste, bei dem ich von aufgrund von Erzählungen nicht allzu viel erwartet habe. Ich kannte den Ort als Hafenstadt am Ende der Hurtigrutenlinie, als Tor zur Barentssee mit Königskrabbensafaris und als Grenzgebiet zu Russland. Besonders spannend klang dabei immer der „Ausflug“ über die Schotterpiste entlang des Grenzflusses zum Nachbarland ganz bis an den letzten Zipfel des Landes. Hat es sich gelohnt? Ich sage deutlich ja und möchte euch in diesem Artikel diese entlegene, aber sehr interessante Gegend näherbringen.
Kirkenes: das nordöstliche Ende von Norwegen
Es ist Anfang September und ich komme über Finnisch Lappland und die Inarisee Region am Grenzübergang Neiden nach Norwegen. Die endlosen Straßen, gesäumt von den grün-gelben Laubbäumen wechseln zu dem eher bergigen Terrain und schon wenige Zeit später komme ich an einen Fjord, genauer gesagt an einem Nebenarm des Varangerfjords. Die Landschaft auf den nächsten 60 Kilometern hinter der Grenze bis nach Kirkenes besteht ähnlich wie vorher in Finnland aus feuchten Moorgebieten, allesamt jetzt bunt gespickt mit Beeren an den niedrigen Sträuchern und die weißen Tüpfelchen des Wollgrases.



Hafenstadt am Berghang mit Ausblick auf den Bøkfjorden
Das Erste, das mir auffällt, ist die schöne Lage der Stadt. Die Hauptstraße führt abschüssig hinab zum Bøkfjorden (einem weiteren Nebenarm des Varangerfjords) und ins Zentrum. Mein erster Stopp ist jedoch die Ferienwohnung, die ich gemietet habe, die oberhalb von Kirkenes am Berg liegt. Serpentinenhaft klettert die schmale Straße steil hinauf und belohnt mich mit einem spektakulären Ausblick über die Stadt.



Sehr oft werde ich hier nun in den nächsten zwei Tagen am Fenster stehen und das wechselnde Licht über dem Fjord bestaunen. Glücklicherweise habe ich trockenes und zum Teil sogar sonniges Wetter, nicht so üblich für die Jahreszeit, wie mir meine Vermieterin sagt. Doch neben einem zart-warmen Sonnenuntergang kann ich jede Nacht das Polarlicht über der Stadt tanzen sehen, wenn auch manchmal nur zaghaft und zu später Stunde. Denn Anfang September sind die Dämmerungszeiten noch sehr lang.



Stadtzentrum mit Geschichte
Später mache ich mich auf den Weg in den Stadtkern von Kirkenes, parke an der Kirche und schlendere durch die bergigen Gässchen der Stadt. Ich spaziere an Holzhäusern in allerlei bunten Farben vorbei und lande am Ende bei dem Denkmal zur Erinnerung an die Befreiung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Statue, die zu Ehren der russischen Armee in der Mitte des in der Altstadt gelegenen Hügels hoch über den Häusern thront, wird in diesen Minuten gepflegt. Die Aufschrift auf dem Auto mahnt vor dem, was heute gerade hier in der Grenzregion wieder wichtig geworden ist: stoppt die Kriege.



Wie so viele Städte in Nordnorwegen ist Kirkenes vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Nach vier Jahren Besetzung durch die Wehrmacht, wurde sie 1944 von der russischen Armee befreit. Dem gingen unzählige Bombenangriffe zuvor, die der Stadt zusetzten. Doch mit der „verbrannte Erde“-Strategie der Deutschen, die bei ihrem Rückzug alle Orte niederbrannten, in denen Sie stationiert waren, standen zuletzt nur noch 13 Häuser.
Durch ihre Nähe zu Russland (17 km) und Finnland (60 km) ist Kirkenes sehr multikulturell. Deshalb findet man überall in der Stadt Schilder in verschiedenen Sprachen. Gerne hätte ich es erlebt, als der „kleine Grenzverkehr“ zwischen Norwegen, Russland und Finnland noch offen war und es hier regelmäßig Märkte mit Händlern aus den umliegenden Gebieten gab.



Hard Facts
- Reist man mit der beliebten Hurtigrutenlinie an, dann macht man einen Stopp in Kirkenes – und zwar den letzten, bevor das Schiff umdreht und wieder den Weg Richtung Süden antritt.
- Die Stadt ist das Ende der Europastraße E6, die 3.000 km von Trelleborg hierher führt. Es sind noch stolze 2.500 km von der Hauptstadt Oslo,
- Mit ca. 3.500 Einwohnern ist Kirkenes keine große Stadt, mit den umliegenden Ortschaften kommt die Region auf 8.000 Bewohner.
- Sie liegt im Bøkfjorden, einem Seitenarm des Varangerfjords.
- Der Namen Kirkenes, der „Kirchenhalbinsel“ oder „Kirche auf der Landzunge“ bedeutet, geht vermutlich auf das Jahr 1862 zurück, in dem die erste Kirche dort gebaut wurde.
- Lebte die Stadt viele Jahrzehnte vom Erzabbau, ist inzwischen der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle.
Fun Facts
- Kirkenes und das Grenzgebiet sind zwar am nächsten zur russischen Grenze, aber die östlichste Gegend Norwegens ist es nicht. Die Stadt Vardø, die auf der nördlich gelegenen Halbinsel Varanger liegt, ist noch einen Breitengrad weiter im Osten.
- Trotzdem: Kirkenes und Vardø liegen beide weiter östlich als St. Petersburg oder Istanbul.
Grense Jakobselv: Grenzgebiet und landschaftliches Highlight
Am nächsten Tag geht es auf einen Abstecher, auf den ich mich schon lange gefreut habe: Mein Ziel ist Grense Jakobselv. Ein vergessener Ort und zugleich die Grenze zu Russland, die durch den namensgebenden Fluss führt.
Den nur wenige Kilometer von Kirkenes entfernten Grenzübergang Storskog, der einzige Übergang auf dem Landweg zwischen Russland und dem Schengen-Raum, kann man heute als Tourist nicht mehr passieren (man benötigt ein vorab beantragtes Visum). Einige Hundert Meter davor biege ich von der E105 auf die Fv8860 ab.
Ich habe viele Berichte über die circa einstündige Fahrt über unbefestigte Straßen auf den nächsten 45 Kilometern gelesen und mache mich auf einiges gefasst. Mit gemütlichem Tempo bin ich auf der schmalen, aber geteerten Straße unterwegs, die an wenigen Häusern vorbeiführt. Ab hier wird die Besiedlung immer geringer und die Landschaft rauer.
Norges eldste Fjell: wo Norwegen entstand
Es geht vorbei an einem Fjord, dann weiter hinauf in ein felsiges Gebiet mit Seen. Die Landschaft wirkt so karg und ursprünglich, als ob man in eine Zeit vor der menschlichen Besiedlung zurückreist. Später stelle ich fest, dass dies hier „Norges eldste Fjell“ (dt.: Norwegens ältester Berg) ist.
Die Gesteinsformationen hier sind 2.900 Millionen Jahre alt, doch inzwischen wurden zwei weitere Orte in der Finnmark entdeckt, bei denen noch ältere Datierungen ausgemacht werden konnten. Trotzdem ist das Gebiet um einiges älter als im restlichen Norwegen.



Die Gegend verändert sich immer weiter, die Straße klettert bergauf. Die Wiesen ähneln den sumpfigen Gebieten Nordfinnlands, die Bäume sind klein und rar. Das Wetter meint es gut mit mir, lässt ab und zu die Sonne durch die Wolken und bringt die bunten Beeren an den Sträuchern zum Leuchten. Der Wind ist das einzige Geräusch und ich habe keinen Handyempfang mehr.



Ich genieße die Fahrt durch die ungewöhnliche Weite der Landschaft, bis sich die Straße wieder nach unten windet und ich vor einem Schild stehen bleibe, dass unübersehbar auf die nahende Grenze hinweist.
Grense Jakobselv: wo der Fluss die Landesgrenze bildet
In Norwegisch, Russisch und Englisch sind die Verhaltenshinweise im folgenden Grenzgebiet aufgezählt:
- Nicht die Grenze übertreten (oder schwimmen)
- Keinen Kontakt auf der anderen Seite aufnehmen
- Keine strafbaren Aktionen durchführen
- Die Markierungen dürfen nicht entfernt, beschädigt oder zerstört werden
- Russisches Militärpersonal und Ausrüstung darf man nicht in aggressiver oder provozierender Art und Weise fotografieren
- Fischen im Fluss ist nur für Personen mit einer festen Adresse in Norwegen und einer Lizenz erlaubt



Dann windet sich die schmale Straße, jetzt nur noch ein unbefestigter Kiesweg, in ein Tal, das so grün ist, dass ich mich wie in einer komplett neuen Gegend fühle. Die Sonne scheint, die Berge links und rechts ragen sehr hoch, um mich herum Wald, so anders als noch auf dem eher tundraähnlichen Plateau kurz zuvor.
Dann streift der Kiesweg den Fluss Jakobselv. Die Grenzpfosten an beiden Ufern markieren die Grenze: der auf norwegischer Seite ist gelb und hat eine schwarze Spitze, der auf russischer ist rot-grün. Nur wenige Meter trennen mich hier also von Russland. Und tatsächlich: kurze Zeit später weist mich mein Handy auf Netz hin: „Willkommen in Russland“.



Wie ein vergessenes Dorf am Ende der Welt: Grense Jakobselv
Meine Fahrt setze ich fort und bewundere die Häuser entlang des Weges. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen und später erfahre ich, dass der Ort „Grense Jakobselv“ bereits seit den frühen 1980er-Jahren nicht mehr bewohnt ist. Doch die bunten Holzhäuser sehen idyllisch aus zwischen den weichen Wiesen, dem sanften Plätschern des Flusses und der unendliche Stille.



Dann weiten sich die beiden Gebirgszüge und das Delta des Jakobselv wird breiter. Ich fahre an den letzten leer stehenden Häusern vorbei und die Kirche ragt als winziger Punkt in dieser endlosen Landschaft auf einem hohen Felsen hervor.



Kong-Oscar-II-Kapell: Festung am Ende der Welt
Das Gebiet rund um Kirkenes war lange norwegisch-russisch, bis 1826 die aktuelle Grenze festgelegt wurde. 1851 fand die Besiedlung durch Norweger statt.



Da es im Nachhinein häufiger Streit darüber gab, wo die Grenze genau entlangführte, wurde die Steinkirche 1869 errichtet, um das norwegische Flussufer zu verteidigen. Benannt wurde sie 1873 bei einem Besuch des namensgebenden König Oscar II von Schweden und Norwegen.



Ich parke hinter der Kirche an einem Friedhof, der mich an Filme erinnert, die im 19. Jhd. oder früher spielen. Ein geschwungenes Holztor, wenige Gräber, zum Teil wie verwunschen in die Vegetation eingewachsen. Auf einer Tafel, die auf 2001 datiert ist, wird der Besiedlung des Ortes 150 Jahre zuvor – also 1851 – gedacht.



Ein Fußweg schlängelt sich um den Felsen hoch hinauf zu dem Platz der Kirche, von wo man einen schönen Ausblick über das Delta hat. Das sandige Gebiet zum Meer hin erinnert an südliche Breiten, dahinter eröffnet sich die Unendlichkeit der Barentssee.



Das Ende der Strasse und der Ausblick in die Unendlichkeit der Barentssee
Doch die Straße führt noch weiter, immer in Richtung Ozean und ich folge ihr bis an ihr Ende. Auf dem Parkplatz „Grense Jakobselv“ stehen nicht wenige Camper und Pkw. Es wirkt fast befremdlich nach der langen Fahrt durch die menschenleere Landschaft. Also parke ich und gehe vorbei an dem Bootsvereinshaus hinaus zur Mole. Der Wind ist stark, aber nicht sehr kalt heute. Für Anfang September an der peitschenden Barentssee fühlt es sich in der Sonne fast sommerlich an (es waren circa 18°C).



Oberhalb des Sandstrandes hinter dem Bootshaus erhebt sich ein Berg, auf dessen Gipfel norwegische Militäranlagen über die Gegend wachen. Gegenüber liegt die Südküste der Halbinsel Varanger. Ob man sie bei guter Sicht von hier aus sehen kann, habe ich leider nicht erfahren (es sind ca. 60km Luftlinie).



Auch auf der Rückfahrt verliert die Landschaft ihre Wirkung nicht. Schon von Weitem lugt die Kapelle aus dem immensen Bergrücken heraus. Die Häuser wirken auf mich noch verlassener. Jetzt, wo ich auf andere Dinge achte, bemerke ich die Videoanlagen, die die Grenzregion hier bewachen. In der Gegend um das älteste Gebirge fallen mir Ferienhütten auf, weit oben im felsigen Gelände, die Wege dorthin von der Straße aus mit Holzplanken über das sumpfige Gebiet befestigt.


Hard Facts
- Der Parkplatz „Grense Jakobselv“ ist circa 60km und 1,5h Fahrtweg von Kirkenes entfernt
- Kurz vor dem Grenzübergang Storskog biegt man auf die Fv8860 ab
- Die Grenze wechselte oft über viele Jahre hinweg, bevor die heutige Linie 1826 festgelegt wurde
- 1851 wurde die Gegend von Norwegern besiedelt
- 1869 wurde aufgrund von Grenzstreitigkeiten die Kapelle gebaut und 1873 beim Besuch des schwedisch-norwegischen Königs nach ihm benannt
- in den späten 1970ern und frühen 1980ern verließen die letzten Bewohner das Dorf
- im Grenzgebiet herrschen strenge Regeln, deren Nichteinhaltung sehr teuer werden kann und im Zweifel strafrechtlich verfolgt wird (gilt in beiden Ländern)

